Lembecker Venn

Bauern wurden 1895 zur Gründung der Meliorationsgenossenschaft genötigt

Lembecker Venn, Torfvenn
Zeitgenössische Darstellung der Ziehung von Abwasserungsgräben 1857

Meliorationsgenossenschaften sind Vereinigungen von Landwirten zur Durchführung und Erhaltung größerer und kostspieligerer, meist auf Ent- und Bewässerungen sich beziehender Unternehmen. Die hauptsächlichsten sind: Entwässerung einer Gemeindemarkung, bez. größerer Teile einer solchen durch Drainanlagen, Abzugskanäle und Kanäle, regelmäßige Bewässerung von größeren Wiesenkomplexen, Kultivierung von Hochmooren, Entwässerung sumpfiger Ländereien oder Ableitung von Seen, Anlagen zum Schutz einer größeren Zahl von Ufergrundstücken gegen Überschwemmung etc. Die Gründung solcher Genossenschaften ist aber, wenn sie dem freien Übereinkommen aller Beteiligten überlassen wird, sehr schwierig, in vielen Fällen geradezu unmöglich. Denn schon die Zustimmung aller Interessenten wird sich, da in der Regel eine größere Zahl bäuerlicher Besitzer in Frage kommt, nur selten erreichen lassen. Dazu kommt, dass es diesen häufig an der Initiative für solche Unternehmen, an der technischen Fähigkeit, oft auch an den Mitteln fehlt, sie durchzuführen.

Bis 1830 war das Lembeckler „Torfvenn“ Gemeinschaftsbesitz

Abwässerung Ende 19. Jahrhundert

Deshalb sind viele Meliorationsgenossenschaften als staatliche Genossenschaften, ausgestattet mit Staats- und Provinzialmitteln, organisiert. Soweit das Mayersche Lexikon zu dem Begriff, der bereits im ersten Halbjahr 1826 in Lembeck rund hundert Jahre später zur Gründung einer solchen Genossenschaft führte. Das Genossenschaftsgebiet hieß früher „Torfvenn“. Allerdings gab es keinen Torf. Den Boden war stark ortssteinhaltig und mit Wasserpfützen bedeckt. Nur an den höher gelegenen Stellen wuchsen dürftiges Heidekraut und kleine Krüppelkiefern. Bis etwa 1830 war als „Torfvenn“ gemeinschaftlicher Besitz. Zwischen 1829 und 1836 wurde das Gebiet in Grundstücke aufgeteilt uns an die in der Gemeinde Lembeck wohnenden Hausbesitzer nach der Erbregelung (Vollerben bis 1/16-Erben) vergeben. Das 1/16-Erbe hatte beispielsweise eine Größe von 4200 Quadratmetern.

Ortsvorsteher Bernhard Jüttermann war erster Vorsitzender

B. Jüttermann, erster Vorsitzender

Als der Kunstdünger aufkam, mit dem eine Bewirtschaftung von Ödlandflächen ermöglicht wurde, machte Anfang des Jahres 1890 der Großgrundbesitzer Graf von Landsberg in Velen größere Ödlandflächen zu Kulturflächen. Der damalige Lehrer Bernhard Hinsken von der Velener Winterschule, gebürtig in Rhade, machte die Lembecker auf die Urbarmachung ihres Ödlandes aufmerksam, da auch großer Futtermangel herrschte. Nach einer Besichtigung des Gebietes und auch Prüfung durch staatliche Behörden, berief am 8. Oktober 1895 Landrat Graf Felix von Merveldt alle Interessenten in die damalige Schule (heute Kindergarten) zur Gründungsversammlung der Meliorationsgenossenschaft ein. Er legte den Versammelten die Satzung vor, doch die Lembecker zögerten zuerst und nach einem überlieferten zornigen Ausspruch des Landrats „Ihr Lembecker Dickköpfe, wenn ihr die Wohltaten, die man euch bietet, nicht wollt, so seht zu, wie ihr fertig werdet!“ Danach unterschrieb eine Anzahl der Beteiligten und die Meliorationsgenossenschaft war damit gegründet.

Ortsvorsteher Bernhard Jüttermann wurde Genossenschaftsvorsteher

Von der preußischen Provinzverwaltung Westfalen wurde der damalige Vorsitzende des Provinzial-Wiesenbauvereins aus Münster, Vermessungsrevisor H. Breme, mit der Ausarbeitung der Pläne und Ausführung der notwendigen Arbeiten beauftragt. Arbeiter verdienten damals täglich drei Mark. Finanzielle Zuschüsse gab es von staatlichen Behörden. Als die Hauptgräben durch das Moor gezogen waren, hatte sich die Genossenschaft bereits um 150 Mark verschuldet, die allerdings der Kreis Recklinghausen als Darlehen zur Verfügung stellte, so dass die verschiedenen Eigentümer des „Torfvenns“ keine weiteren Zahlung leisten mussten. Das mussten sie erst später, als die Kultivierungsarbeiten abgeschlossen waren.

Nachbarschaftliche Querelen gab es stets und genörgelt wurde auch

Säubern eines Entwässerungsgrabens 1957

Zahlungsforderungen wurden zuerst nach Größe der einzelnen Parzellen umgelegt, später legte eine auswärtige Kommission die Beiträge nach Normalhektar fest. Obwohl die Beiträge zur Genossenschaft nicht hoch waren, „gab es doch immer wieder viel Nörgelei“. Der Genossenschaftsvorstand hatte viel zu tun, immer wieder nachbarschaftliche Querelen auszuräumen. Als technischen Leiter stellte daraufhin der Kreis Recklinghausen den Meliorations-Wiesenbaumeister Hambloch ein, der nun die technische Leitung  der ersten Genossenschaft übernahm. Sein Nachfolger bis in di3 1950er-Jahre hinein hieß Beel.

Zur Sache: Die Bezeichnung Melioration wird gleichermaßen in Land- und Forstwirtschaft sowie der Bodenkunde und der Wasserwirtschaft verwendet. Sie leitet sich vom lateinischen meliorare (verbessern) ab, daher ist der umgangssprachliche Begriff Bodenverbesserung großteils gleichbedeutend. In Deutschland sind darin kulturtechnische Maßnahmen zur Werterhöhung des Bodens zu sehen, also zur Steigerung seiner Ertragsfähigkeit, zur Vereinfachung seiner Bewirtschaftung und zum Schutz vor Schädigung oder Zerstörung. Solche Maßnahmen sind zum Beispiel die Be- und Entwässerung, Drainierung, Eindeichung von Überschwemmungsgebieten und die Urbarmachung von Ödland. Teilweise zählt auch die Kultivierung von Mooren und Heide dazu, die Verbesserung von Bodengefüge und Nährstoffzustand (Lockerung verdichteter Bodenschichten, Anhebung des pH-Wertes, Entsteinung usw.), doch wird heute vermehrt beachtet, wegen des Artensterbens keine Feuchtgebiete mehr zu zerstören und Interessenkollisionen von Landwirtschaft und Naturschutz zu vermeiden (nach Wikipedia).


Quellen: „Ort und Flur in der Herrlichkeit Lembeck“, Geografisches Institut Münster, Eigenverlag 1952. – Nach einem Augenzeugenbericht von Bernhard Wessling, der zu den Mitbegründern der Genossenschaft gehört, aufgezeichnet von Josef Hatkemper, abgedruckt im Heimatkalender 1953. http://www.dorsten-lexikon.de