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Zwei Lembecker Euthanasieopfer

Weil sich im Herbst 2018 der Todestag der beiden Lembecker Euthanasieopfer Wilhelm Loick und Josef Schwenk zum 75. Mal j√§hrt, soll an dieser Stelle ‚Äď stellvertretend f√ľr das Schicksal vieler anderer Opfer von Krieg, Verfolgung und Rassenwahn ‚Äst an das Los und Leben dieser beiden M√§nner erinnert werden.¬†¬†¬†

Fritz Böckenhoff beschreibt das Leben seines Onkels Josef Schwenk in der Familienchronik wie folgt:                                               

Josef Schwenk

Josef Schwenk,¬† (geb. 1. Mai 1912) der einzige Bruder unserer Mutter Christine Schwenk, war von Geburt an¬† behindert. Nach seiner Schulzeit wurde das Zusammenleben in der¬† gro√üen Familie immer schwieriger. Er kam dann in die Provinzialheilanstalt ‚ÄěMarienthal‚Äú in der N√§he von M√ľnster in ein Haus f√ľr Behinderte, wo er √ľber lange Jahre betreut wurde. Dann kam der H√∂hepunkt der nationalsozialistischen Machtentfaltung, und es wurden die von ihnen schon lange erdachten und geplanten menschenverachtenden, schrecklichen Verbrechen an Juden, Ordensleuten, kranken, behinderten und andersdenkenden Menschen begangen.

Ausschnitt aus der Predigt von Clemens August Graf von Galen, Bischof von M√ľnster am 3. August 1941:

‚ÄěSeit einigen Monaten h√∂ren wir Berichte, dass aus Heil-und Pflegeanstalten f√ľr Geisteskranke auf

Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen,

zwangsweise abgef√ľhrt werden.

Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden.

Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwarteten

Todesf√§lle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigef√ľhrt werden,

dass man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man d√ľrfe sog. ‚Äúlebensunwertes Leben‚Äú

vernichten, also unschuldige Menschen t√∂ten, wenn man meint, ihr Leben sei f√ľr Volk und Staat nichts

mehr wert, eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame T√∂tung der nicht mehr arbeitsf√§higen Invaliden, Kr√ľppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grunds√§tzlich freigibt!‚Äú¬†

Im Herbst 1943 bekam die Familie Schwenk-B√∂ckenhoff die Nachricht, dass Josef Schwenk in ein anderes Haus nach Hessen verlegt sei. Im November des gleichen Jahres kam dann f√ľr die Familie die traurige Nachricht, dass Josef Schwenk an einer Lungenentz√ľndung verstorben sei. Die Leiche k√∂nne auf Wunsch und eigene Kosten nach Lembeck √ľberf√ľhrt werden. Unser Vater, setzte sofort alle Kraft ein, und so wurde es m√∂glich, dass Josef im Sarg in seine Heimat gebracht wurde. Unser Vater hat¬† noch den Sarg ge√∂ffnet um sicher zu gehen,

dass Josef auch im Sarg sei.

 

Bischof von Galen hat √ľber seine drei gro√üen Predigten zum Verbrechen des Nationalsozialismus geschrieben:

‚ÄěNicht durch Lob noch durch Drohungen weiche ich von Gottes Wegen ab.‚Äú

Der verstorbene Lembecker Heimatforscher Manfred Steiger nennt in seinem Gedenkbuch einige weitere Details der Lebensgeschichte der beiden Lembecker Opfer der unter dem Decknamen Euthanasie getarnten nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie.

In Hadamar gibt es eine Gedenkstätte, die die Erinnerung an die insgesamt 15.000 Opfer dieser Tötungsanstalt der Nationalsozialisten wachhält

In einem  Artikel in der Nassauischen Presse vom 10.10.2017 wird berichtet, dass die Namen der 15 000 Menschen, die von 1941 bis 1945 in Hadamar ermordet wurden, inzwischen vollständig veröffentlicht worden sind.

‚ÄěEs ist ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Euthanasieopfern ein St√ľck Identit√§t zur√ľckzugeben‚Äú, w√ľrdigt der Leiter der Hadamarer Gedenkst√§tte, Dr. Jan Erik Schulte, die Ma√ünahme, so hei√üt es weiter in der Lokalzeitung.

Nicht genetisch vererbt

‚ÄěDazu kommt, dass die medizinische Forschung in den letzten 30 Jahren erhebliche Fortschritte gemacht hat‚Äú, betont Schulte. ‚ÄěSo hat sich inzwischen herausgestellt, dass viele der fr√ľher als vererbbar geltenden Geisteskrankheiten in Wahrheit nicht genetisch bedingt sind.‚Äú Eine Erkenntnis, welche die bisher bei solchen F√§llen oft existierende Stigmatisierung aufhebt und es leichter macht, dar√ľber zu sprechen. ‚ÄěMit zunehmender zeitlicher Distanz wird das Interesse nicht geringer ‚Äď im Gegenteil‚Äú, berichtet der Experte. Die Gespr√§che mit den Angeh√∂rigen seien immer sehr pers√∂nlich. Wobei die Enkelgeneration oft √ľber den Einzelfall hinausblickt und die Zusammenh√§nge begreifen m√∂chte.

Soweit der Bericht √ľber die Hadamarer Gedenkst√§tte in der Nassauischen Presse.

Den Opfern ein St√ľck ihrer Identit√§t zur√ľckzugeben, ihr grausames Schicksal nicht zu vergessen und die Zusammenh√§nge zu begreifen, genau das ist die Zielsetzung dieses Artikels.

Gerade in unserer heutigen Zeit, in der immer √∂fter von Populisten versucht wird, diesen beispiellosen Abschnitt unserer deutschen Geschichte zu verharmlosen und zu relativieren. Dieser rein rechnerisch nur 12 Jahre dauernde Zeitabschnitt, der nach eigenem Anspruch der Nationalsozialisten bekanntlich 1000 Jahre dauern sollte und f√ľr viele Geschichtsbewusste gef√ľhlt tats√§chlich mindestens 1000 Jahre gedauert hat, weil in dieser relativ kurzen Zeit so viel Unrecht, so viel Monstr√∂ses und bis dahin Unvorstellbares geschehen ist, dass man von einem regelrechten Zivilisationsbruch sprechen kann, der ‚Äď auch wenn einige das gerne m√∂chten ‚Äst nicht einfach gel√∂scht werden kann.

Neben den 6 Millionen ermordeten Juden, den insgesamt ca. 60 Millionen Toten von Jung bis Alt aus vielen verschiedenen Nationen, ob Soldaten oder Zivilpersonen, die im Verlauf oder als Folge des Zweiten Weltkriegs ihres Lebens beraubt wurden, fallen die 15.000 in Hadamar umgebrachten geistig oder körperlich Behinderten, geschweige denn die zwei oben genannten Lembecker Euthanasieopfer zahlenmäßig zwar kaum ins Gewicht. Aber jedes menschliche Leben ist es wert, als einzigartig wertgeschätzt und nicht vergessen zu werden.

Ludwig Dr√ľing

 

 

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